Bei der Relektüre von Vaclav Havels Versuch in der Wahrheit zu leben 1 beschäftigte mich, wie schon beim erstmaligen Lesen, folgende Passage besonders:
Wenn man […] berücksichtigt, dass das posttotalitäre System über einen so vollkommenen Mechanismus der komplexen direkten und indirekten Überwachung der Gesellschaft verfügt, der keine Analogie in der Geschichte hat, ist es klar, dass jeder Versuch irgendeines Widerstands nicht nur politisch ohne Perspektive wäre, sondern auch technisch fast unmöglich: Er wäre liquidiert, noch bevor er sich in einer konkreten Tat äußern könnte. Aber selbst, wenn die gelänge, würde es bei einer einsamen Geste einiger weniger isolierter einzelner bleiben, gegen die nicht nur gigantische staatliche (und überstaatliche) Macht stünde, sondern im Grunde auch die Gesellschaft, zu deren Gunsten der Versuch unternommen worden wäre.
1
Als Jugendlicher, der im Deutschen Herbst gefordert war, seine Position zu suchen und zu finden, hatte mich bereits ein Gedanke umgetrieben, den Vaclav Havel hier formulierte, der Zweifel an der Vision, man könne eine Gesellschaft von politischen Zwängen, von den Verwachsungen eines Kapitalismus, von einer kleinbürgerlichen Weltsicht befreien, die damals immer noch im Einfluss ehemaliger Nazis stand.2 Ich war überzeugt, dass es der breiten Masse nicht um eine freie Gesellschaft ging, sondern um das eigene gute Fortkommen, um Konsum, Wohlstand und Sicherung zumindest des Erreichten.
Im Zuge der so genannten Wiedervereinigung Deutschlands fand ich das bestätigt. Ende der 1980er Jahre warteten breite Bevölkerungsschichten opportunistisch ab, wie sich die Machtverhältnisse in ihrer DDR entwickeln würden, wie der totalitäre Überwachungsstaat des SED–Regimes auf Friedensmärsche, Friedensgebete und Montagsdemonstrationen reagieren würde. Gar nicht so wenige stellten sich sogar gegen die Proteste, agierten opportunistisch, wie sie auch den polnischen Widerstand schon abgelehnt hatten.3 Erst nachdem das DDR Regime gefallen war, wollten plötzlich auch die Systemopportunisten zu den Protestierenden gehört haben.
Millionen von DDR-Bürgern waren jedenfalls damals nicht auf der Straße gewesen, sondern hatten quasi hinter den Wohnzimmergardinen abgewartet – was im Übrigen kein Werturteil ist, sondern lediglich ein quasi nachgetragener Fakten-Check, der so manch fortwirkende Mentalitäten erklärt.
4
Marko Martin nimmt nach dieser Schilderung der Ereignisse 1989 direkt Bezug auf die Gegenwart:
Wäre es etwa ‚angemessen’, die Tatsache zu beschweigen, dass bei den letzten Landtagswahlen in ostdeutschen Ländern zwei illiberale Parteien Erdrutschsiege einfahren konnten, die eine rechtsextrem und beide offen Putin-affin und infamste Kreml-Propaganda verbreitend […] ‚Angemessen’, sich einem Nachdenken über die Wurzeln von all dem zu verweigern, obwohl ‚1989’ doch ganz offensichtlich nicht in jedem Fall jene befreiende Zäsur war, wie es gesundbeterisch so lange behauptet wurde?
a.a.O.
Von den Millionen hinter den Vorhängen damals sind viele ihrer kleinbürgerlichen DDR Mentalität treu geblieben oder zurückgekehrt.
Die Debatte um den Klimawandel, die Flüchtlingskrise von 2015, der alte und der neue Antisemitismus oder die Kriege im ehemaligen Jugoslawien Anfang der neunziger Jahre [– all dies wurde] von vielen lediglich als Zumutung erfahren […] – wohlgemerkt vor allem für sie selbst – und als narzisstische Kränkung, die sich dann quengelnd zu artikulieren versuchte: 'Und wir, wer kümmert sich denn um uns?'
a.a.O.
Die Bundesrepublik hatte die Vision eines vereinigten Deutschlands ebenso wenig aufgegeben wie viele DDR Bürger ihre Vision von Freiheit und Selbstbestimmtheit. Was daraus geworden ist. Rechtsradikale Politik in den neuen Bundesländern mit teils nationalsozialistischen Auswüchsen gefährdet Freiheit und Demokratie in ganz Deutschland.
Es gibt zweifellos große politische und gesellschaftliche Versäumnisse in den letzten Jahrzehnten und es gibt eine aktuell weitgehend uneinsichtige Regierung, zumindest was Klima und Energiepolitik angeht, aber auch Sozialpolitik. Widerstand gegen die zunehmend illiberalen Entwicklungen, die sich fortschreibenden neoliberalen transatlantisch-kapitalistischen Auswüchse und den US–Plattformkapitalismus, gegen die zunehmen aufgehende Schwere zwischen Arm und Reich in Deutschland - gegen all das würde es sich lohnen aufzustehen und gegen jegliche entgegenlaufende Politik in Widerstand zu gehen. Wer aber würde davon profitieren? Es wären dieselben Leute, die hetzen, ohne selbst in Verantwortung zu gehen, die lieber rechtsnationale Parteien wählen mit vielfach neonazistischen Auswüchsen, Leute, die lieber alles zu Bruch gehen lassen, als zu ertragen, dass es anderen besser geht. Warum bitte sollte man für diese Leute etwas erstreiten wollen.
Havel, Václav; Laub, Gabriel; Havel, Václav (1990): Versuch, in der Wahrheit zu leben. Neuausg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 62. ↩ ↩
Bis 1978 war beispielsweise Hans Karl Filbinger (1913-2007) als Ministerpräsident in Baden-Würtemberg im Amt. Er war Mitglied der NSDAP und der SA. 1978 wurde in der Filbinger Affäre aufgedeckt, dass er als Militärrichter bei der Marine vier Todesurteile gefällt hatte und vollsltrecken ließ. Rudolf Hochhut hatte ihn öffentlich als furchtbaren Juristen
bezeichnet. Er trat im Zuge der Affäre als Ministerpräsident zurück. ↩
Martin formulierte das in seiner Rede so: Denn so inspirierend der polnische Widerstand auch für die DDR-Bürgerrechtler gewesen war – in weiten Teilen der Bevölkerung war ganz anderes zu vernehmen. Weshalb, so damals die keineswegs nur halblaute Rede, gingen »die Polacken« nicht einfach arbeiten, anstatt zu streiken und dauernd Freiheit zu fordern und »uns« zu nerven? In den staatlichen Medien klang’s nur ein wenig verklausulierter.
siehe Anm. 4 ↩
Martin, Marko (2024): Von fortgesetzten deutschen Lebenslügen und Veränderungen – in Ost und West. Festveranstaltung zum 35. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Schloss Bellevue am 7. November 2024. Online im Internet: URL: https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/im-gespraech/marko-martin-dissidentisches-denken ↩
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
Wir verwenden nur technisch erforderliche Cookies. Mehr erfahren
Einige technisch notwendige Cookies sind für den Betrieb der Seite unerlässlich. Wenn Sie alle Cookies ablehnen, können wir Ihnen die Seite nicht korrekt anzeigen.
Möchten Sie stattdessen zu Google navigieren?