Als ich noch ein Kind war, kommentierte meine Mutter manche meiner trotzigen Anfälle so: Welcher Satan reitet Dich heute wieder? Im Grunde war das sehr entlastend für mich, denn schließlich war ein Satan Schuld, nicht ich. Andererseits beschäftigte mich schon damals, dass mich womöglich jemand anders unbemerkt manipulieren oder gar von mir Besitz ergreifen könnte.

Als Kind fragte ich mich, ob der Satan das gewissermaßen im Vorbeigehen schafft, oder ob dieser Satan, möglicherweise auch andere Satane – meine Mutter sagte ja: Welcher Satan –, in mir ihr Unwesen trieben. Das hat mich damals sehr verunsichert, vor allem immer dann, wenn mich meine Mutter wieder einmal damit konfrontierte.

Wer oder was ist Satan – und wie viele davon gibt es?

In der Bibel tritt im Buch Chronik 21,1 erstmals eigenständig ein Satan auf : Satan stand wider Israel auf und reizte David, Israel zu zählen. Exegetisch genau genommen spricht der Autor aber nicht von dem Satan (הַשָּׂטָן), sondern, da der bestimmte Artikel fehlt, von einem Widersacher (שָׂטָן). 1 Das Buch Chronik ist nach dem babylonischem Exil entstanden, in einer Zeit, in der sich Autoren gewissermaßen um Theologie bemühten. Deutlich wird das am Umstand, dass der Chronist einen ihm bekannten, deutlich älteren Text umformulierte. In 2 Samuel 24,1 heißt es nicht ein Satan, der David reizt, sondern Gott (Jahwe) ist es selbst. Eine Unterscheidung zwischen Gott und einem ihm entgegengesetzten Satan gab es in vorexilischer, deuteronomistischer Zeit nicht. Da war Gott quasi allein Herr über Gut und Böse und konnte Menschen verführen (reizen). 2 Das ist eine Vorstellung, die der Chronist wohl in theologischer Absicht „korrigieren” möchte. Das Gottesbild hatte sich gewandelt.

Bezogen auf die Formulierung Welcher Satan reitet Dich heute könnte man sagen, dass mit welcher Satan die ursprüngliche Vorstellung eines Funktionsbegriffs aufscheint und nicht, wie in einer späteren und vor allem im christlichen Volksglauben verbreiteten Vorstellung von einem personifizierten Bösen. Es meint daher jenen, der sich rechtlich, argumentativ oder handelnd gegen einen anderen stellt. Meine Mutter hatte den Grund ihres Ärgers damit – ohne es zu wissen – auf den Punkt gebracht: ich widersetzte mich ihr, vulgo: ich folgte nicht.

Satan – Distinkte Persönlichkeit oder Charakter im inneren Team?

Später, Anfang der 1990er Jahre, wurde ich auf Joan Francis Casey's autobiografisches Buch über ihren jahrzehntelangen Kampf mit der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) „Ich bin Viele” aufmerksam.3 Hier handelt es sich um ein krankhaftes Phänomen eines eigenständigen, abgespaltenen Persönlichkeitsanteils, um multiple Persönlichkeiten. So interessant ich diesen Ansatz fand, so war ich doch überzeugt, dass er auf das. was mich beschäftigte, nicht anwendbar war. Schließlich hatte der Satan von mir nicht Besitz ergriffen und war dabei selbst zum Akteur des Ich geworden. Die Formulierung hieß ja: Welcher Satan reitet Dich heute wieder?, nicht, du bist heute wieder ein wahrer Satan.

Wenige Jahre später bin ich auf das Konzept der inneren Teams von Schulz von Thun gestoßen. 4 Bei diesem Konzept geht es nicht um multiple Persönlichkeiten, sondern um Teilpersönlichkeiten, Charaktere, die auf der Bühne des Bewusstseins unterschiedliche Persönlichkeitsaspekte repräsentieren. – und deren inneren Dialog die Person als ‚Teamleitung’ bewusst moderieren kann, um im besten Fall zu stimmigen Entscheidungen zu gelangen. Diese Vorstellung kam meinem Bedürfnis nach Kontrolle als Akteur eher entgegen und konnte manches erklären.

Demgemäß wäre Satan, also ein Widersacher, einer dieser Akteure. Ob er im inneren Team auf die Rolle des Widersachers festgelegt ist, also den notorischen Widersacher gibt, den Querulanten, oder doch das Widerständige immer auch von anderen Akteuren wahrgenommen wird, habe ich noch nicht zu Ende beobachtet.

Satan als ursprünglich neutraler Funktionsbegriff

Bemerkenswert finde ich, dass in der deuteronomistischen Zeit der Begriff Satan nicht negativ besetzt war, schon gar nicht mit einem moralischen Urteil behaftet. Wer heute in unseren Breiten als aufgeklärter Zeitgenosse von Satan, dem Bösen oder von Dämonen spricht - sofern er davon überhaupt noch spricht -, glaubt im Unterschied zum spätantiken und mittelalterlichen Weltbild nicht mehr an die reale Existenz personaler Mächte - sieht man von der katholischen Kirche, den Exorzisten einmal ab. Aber er oder sie meint ein Böses schlechthin.

Erstellt am: 9.8.2026

  1. Mit Artikel (der Satan) findet sich der Begriff zum Beispiel im Buch Hiob (verfasst zwischen 5. und 3 Jh v. Chr.) oder bei Sacharija 3,1-2 (entstanden um 520–518 v. Chr.). Die Umdeutung der Zuschreibung im Buch der Chronik (Gott → Satan, vgl. 2 Sam 24,1 mit 1 Chr 21,1) ist in die nachexilische Zeit, etwa das 4. bis 3. Jh. v. Chr., zu datieren. Das heißt: Der Begriff der Satan als überirdische Gestalt erscheint bereits relativ früh in nachexilischer Zeit (Sacharja), die vollständige Ablösung als eigenständige, von Gott unterschiedene Figur mit Eigennamen (Chronik) aber erst deutlich später. 

  2. Vgl. Jesaja 45,7 (etwa um 550 v. Chr. entstanden): Ich bin Jahwe, und sonst keiner, der das Licht macht und die Finsternis schafft, der Heil wirkt und Unheil schafft. Ich bin Jahwe, der alles dieses wirkt 

  3. Casey, Joan Franes u.a. (1992): Ich bin viele: eine ungewöhnliche Heilungsgeschichte. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.  

  4. Schulz von Thun, Friedemann (1998): Das „innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation: Kommunikation, Person, Situation. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.  

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